Schöne neue Konsumwelt


Früher™, als es ‚drüben’™ noch gab, gehörte zu den Standardsätzen, die mensch so zu hören bekam, dass es da ja ü-ber-haupt nichts gebe, die Leute stünden stundenlang an, wenn es mal ir-gend-was gebe usw. usf. und wie schön es doch ‚hier‘ ist, wo man sich alles kaufen kann.

Salvatorische Klausel: Dass die Planwirtschaft nicht funktioniert hat, wie es wünschenswert gewesen wäre, tatsächlich für vieles stundenlang angestellt werden musste, Läder öfter leer als voll waren – und verklärte Blicke auf positive Effekte des ganzen verkneife ich mir ganz -, das sei mal unbenommen.
Worum es mir geht, das wird jetzt schon klarwerden.

Heute also, 24 Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Sieg des Marktes über das Soziale (OOOK, Pathos aus… aber das denn eigentlich wirklich so viel Pathos?), blicke ich auch nicht tiefer, sondern muss einfach mal einen Rant ablassen, welch tolle Warenwelt uns (mir) jetzt so zur Verfügung steht.

Die Realität, die ich erlebe:
Statt eines staatssteuernden Kongresses steuert die Sales-Abteilung weniger quasi-Monopolisten aus der Riege so genannter ‚Vollversorger‘ die Möglichkeiten, was und zu welchen Konditionen ich mir kaufen kann. Mittlerweile neige ich zu Hamsterkäufen, falls ich mal ein Produkt wunschgemäß vorfinde, denn das wird sicherlich nicht von Dauer sein.
Vielleicht habe ich auch nur ein besonders unglückliches Händchen oder bin schlicht und ergreifend nicht massenkompatibel und stehe deswegen immer und immer wieder vor Regalen, in denen sich zwar ‚alles‘ in Hülle und Fülle ergießt, aber nicht das, was ich vorhatte, zu erwerben. Scheißegal bei welcher Kette oder was, ob Fertignahrung in Tüten, gefroren oder in Dosen; Handseife, Deoroller, oder Sojasauce: Hab ich Gefallen dran gefunden: Weg. Mitunter tatsächlich ohne Ausweichmöglichkeit

Das mag irgendwie schon auch Gewinsel auf Luxusniveau sein, aber da muss ich sagen: Jein.
Irgendwie ergibt sich kein Unterschied, ob ein Rudel Marketing-Fuzzis oder ein Zentralkomitée misswirtschaftet mit dem Endeffekt, dass ich mir etwas nicht kaufen kann.
Es gibt vielleicht auch theoretisch die Option, die Sachen noch woanders zu bekommen. Das wäre dann aber mit erheblichem zeitlichen und auch logistischen Aufwand, sprich auch Benzinverbrauch verbunden, und da sträubt sich dann meine grüne Ecke. Zumal man ja auch nicht von vornherein weiß, wenn man irgendwo auf die grüne Wiese zur Supermall fährt, ob man dann da auch die ‚Exoten‘ wirklich kriegt, oder auch nur das Standardsortiment nach Schema F.

Apropos Schema F: Das ist noch ein spezieller Punkt, der mich wirklich aufregt. Dass verschiedene Märkte verschieden groß sind: Klar. Dass man in kleineren Läden nicht alles anbieten kann, was man auch in größeren Läden anbieten kann: Auch klar. Aber dass sich in von der Größe her vergleichbaren Märkten des gleichen Konzerns das Sortiment dann deutlich unterscheidet, wenn sie sich in vermeintlich unterschiedlich strukturierten Stadtvierteln befinden, da geht mir der Hut hoch. Frei nach dem Motto: „Da wohnen eh nur Asoziale, da hauen wir nur ein Substandard-Programm raus.“

Stimmt schon: Wenn mir wirklich dran gelegen ist, muss ich nur etwas mehr Unbequemlichkeiten auf mich nehmen, und habe recht gute Chancen, dass ich dann auch kriege, was ich wirklich haben wollte.
Aber, und jetzt kommt doch eine verklärende ostalgische Legende ins Spiel: Gab es das nicht drüben™ auch, dass man auf einen Tipp hin weit gefahren ist, um sich ein selten erhältliches Gut zu beschaffen?

Und eines will mir auch nicht recht in den Kopf: Wie die Marketing-Abteilungen auf die Idee kommen, eine Kaufentscheidung hinge vor allem am Image der Marke, und nicht an pragmatischeren Überlegungen zu Preis, Preis-Leistung, Verfügbarkeit etc. pp. Mag wohl sein, dass es einen Teil der Bevölkerung gibt, bei der die Marke auch wesentlich zur Kaufentscheidung beiträgt – aber unterm Strich läuft da doch auch nur aufwändige Arbeitsbeschaffung für BWLer …

Ach und bei Verfügbarkeit sind wir ja dann auch wieder bei dem Punkt, über den ich mich hier ja eigentlich auslassen wollte: Produkt ist theoretisch auf dem Markt, wird vielleicht auch sogar so interessant beworben, dass ich mitkriege, dass es da theoretisch etwas zu kaufen geben könnte. Wo es nicht auftaucht, sind die Läden, die ich mit vertretbarem Aufwand besuchen kann. Ohne mich für besonders repräsentativ zu halten, aber das Ende vom Lied scheint mir oft genug zu sein, dass aufgrund der zu trägen oder gar zu statischen Bestelllisten der Ketten keine Umsätze mit dem neuen Produkt zustande kommen und es wieder vom Markt verschwindet. Ganz toll gelöst, wirklich. Aber womöglich gehört das auch nur zum Arbeitsbeschaffungskreislauf von Produktentwicklung, Vortest, Einführung, Umsatzanalyse und Einstellung.

Wundern würde mich das irgendwie nicht mehr.

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