Stoßseufzer von links


In letzter Zeit klick ich mich immer mal wieder durch das, was die örtliche und überregionale linke Szene so im Internet verbricht, und verzweifle doch immer wieder. Letztens mündete mein Entsetzen in dem Ausruf: "Sperr fünf linksradikale in einen Raum und sie gründen sieben Splittergruppen!" Da tummeln sich fröhlich Anti-Dies, Anti-Das, Anti-Jenes und zu den meisten noch die passenden Anti-Antis, wurschteln im besten Fall redundant nebeneinander her, und enden doch meistens im gegenseitigen Bashing und empört-theatralischer Selbstauflösung um aus den verbliebenen vier Mitgliedern mindestens zwei neue Aktionsgruppen zu gründen.

Die ganze Energie, die da verschwendet wird … na so naiv, dass man mit der schon die Revolution hätte durchziehen können, bin ich dann auch nicht 😉 – aber sie wäre sicherlich anderswo besser angelegt als in verzweifelten Selbstzerfleischungskämpfen.

Am Ende vom Lied bin ich u.a. deswegen autonomer Anarchist (sic!) – autonom neben der gängigen Bedeutung auch im wortwörtlichen Sinne und zwar deshalb, weil ich meine Position für mich selbst definiere und nicht an irgendwelchen Initiativgruppen. Ich hab keine Angst, meinen Standpunkt darzulegen und bin, denke ich, rethorisch eloquent und zur Not auch stur genug, ihn zu behaupten, jedenfalls scheue ich nicht, dass ihn jemand in der Luft zerreißt, selbst wenn ich kein ausgeklügeltes Manifest im Hinterkopf habe. Aber die Vorstellung, optimistisch oder auch skeptisch in so eine Runde Vollspacken zu geraten, die sich vordergründig was auf die Fahnen malen, zu dem ich auch stehen will, und die dann doch nur jedwede Bissigkeit ausleben müssen um ja dem radikalen Anspruch an sich selbst genüge zu leisten, davor gruselt mir so sehr, dass ich schon gar keine Lust mehr auf irgendwelche Grüppchen habe. Davor ekelt mich so sehr, dass ich meine Überzeugung da gar nicht hintragen will, auf dass sie nicht beschmutzt werde.

Allein schon die völlig verkrampfte Geschlechtsneutralität mit all ihren Auswirkungen von $Sonstwasse/innen über $SonstwassInnen bis hin zum mir erst jüngst begegneten $Sonstwasse_innen, das, so war zu lesen, auch noch den Transgender-Bereich mit einschließen soll – ich kann da nur den Kopf schütteln. Ich bin ja selbst doch ziemlich offenkundig ’ne Frau, und reagiere durchaus spitzfindig auf diverse Unterschlagungen von weiblichen Formen geschweigedenn Interessen, aber das find ich einfach nur peinlich. Aufrechte aus dem antisexistischen Lager (ha, um jede neutrale Form herumgeschrieben, ätsch!) behaupten an der Stelle sicher, ich sei nur vom patriarchalischen Diktat verblendet, aber ich fühle mich doch in einem Text nicht weniger angesprochen, nur weil da durchgängig die männliche Form verwendet wird. Im Gegenteil bezeichne ich mich selbst lieber mit der männlichen Form, weil das komische Anhängsel "in" doch irgendwie das fünfte Rad am Wort ist. Dabei schwingt auch irgendwas mit zwischen einem minderwertigen Gefühl und einer Entschuldigung fürs nicht Perfekte bei der "in"-Form mit, und nur da würde ich mir den Vorwurf noch gefallen lassen, doch verblendet zu sein. So ganz auseinanderklamüsern kann ich es jedenfalls nicht, wo das Gefühl herkommt. Die krampfhafte Neutralformulierung spielt dabei aber konkret auch eine Rolle. Anyway, Kunden vereinbarten früher oft mal einen Termin mit dem "Herrn" Asynchron, um dann ganz beschämt zusammenzuzucken, wenn ich aufkreuzte – war halt ein Job, bei dem man nicht unbedingt dachte, dass eine Frau ihn erledigen werde. Aber das hat mich doch nicht gestört, im Gegenteil. Die Arbeit wurde schmunzelnd erledigt, und dann ging ich mit der Gewissheit weg, dass der mich erstens nicht so schnell vergessen und zweitens anderen Kolleginnen gegenüber mal eine andere Einstellung an den Tag legen wird.

Und dann die Geschichte mit den Klamotten bzw. speziell dem einen bestimmten, zuletzt auch mainstreammodisch ausgebeuteten Accessoire. Dazu hab ich selbst schon mal vorsichtig was geschrieben, Woschod hat noch viel feinere Links dazu. Dem füg ich gar nicht mehr viel hinzu, nur das: Wer meint, meine politische Einstellung bzw. Correctness an dem festmachen zu können, was ich mir nach Tageslaune an den Körper bzw. in dem Fall den Hals hänge, glaubt auch, kriminelle Neigungen oder ethnische Abstammung an körperlichen Merkmalen festmachen zu können.

Naja. So könnt ich noch stundenlang weiterschrieben und jedem Extrakorrektradikalen sein Fett verpassen, aber die Beschwerde muss jetzt erstmal wieder genügen. Hey, es ist fünf Uhr früh …

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